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Up Reisetagebuch 41b: Transatlantik I. (2007) Slideshow

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Die Marinas Palmas schlafen den Schlaf der Nebensaison, die Yachten ruhen unter den Persenningen, kein Mensch ist dort zu sehen, schon gar nicht beim Segeln. Ich habe mich doch wohl nicht im Termin geirrt? Wassersport findet eher in der Stadt selber statt. Heute hat wieder ein heftiger Wolkenbruch die Straßen unter Wasser gesetzt, das von der Kanalisation nicht mehr aufgenommen werden kann. Sind erst einmal einige PKW mit ausgefallenen Zündanlagen liegen geblieben, wird die Straße gesperrt und das Verkehrschaos zur rush-hour ist perfekt. Tief sind die Rinnsale und bis zu den Busscheiben hoch spritzt das Wasser. Längst teilt sich Palmas U-Bahn das Schicksal mit der Titanic. Heute ertrank eine Frau in der Innenstadt!

1 Grad Ost

23. Oktober 2007. Die Welle hebt das 15 Tonnen schwere Boot an, es schiebt sich über ihren Kamm und laut donnernd fällt das Vorschiff ins Wellental, so laut, dass man unter Deck meinen könnte, das GFK müsse bald zerreißen. In den Vorschiffkojen ist es nur schlecht auszuhalten. Wir fahren unter Motor, weil der Wind fehlt, schon den dritten Tag heute. Zunächst Richtung Sonnenuntergang, nach Westen, später dem Mond entgegen. Die Dünung ist trotz wenig Wind hoch, bleiern glänzen die Wellenberge im schräg einfallenden Licht.

Es läuft Plan B.

Jahrelang habe ich mich mit einem Kreis ähnlich gesinnter Segelfreunde und Ausstiegswilliger getroffen, um ein großes Ereignis vorzubereiten: Den Ausstieg aus dem Berufsleben im Jahr 2007, den Erwerb oder den Bau eines eigenen großen Schiffes oder einer kleinen Flottille und eine gemeinsame Reise rund um den Globus in mehreren Jahren.

Dieses Projekt, "P-07" genannt, ließ sich zunächst gut an, Euphorie und Tatendrang waren groß, es gab zahlreiche Treffen an wechselnden Orten in Deutschland, unzählige Telefonate und Emails sowie einige gemeinsame Segeltörns. Es hat große Freude bereitet, mit einem großen Ziel vor Augen gemeinsam an solch einer ausgefallenen Idee zu feilen.

Aber es kam, wie es kommen musste und es war gut, dass es rechtzeitig kam. Viele von uns, die meisten Männer in meinem Alter, befanden sich gerade an Wendepunkten in ihrem Leben, empfänglich für allerlei Herausforderungen, die das Leben so bietet. Wir sind alle zu sehr Individualisten, um uns auf die Bedingungen gemeinsamen Lebens auf einem Boot einigen zu können. Außenstehende wussten das natürlich schon viel früher.

Geblieben bei mir ist der Termin für den Berufsausstieg, 2007, sowie der Wunsch, jetzt noch intensiver fremde
Länder zu bereisen.

So fahre ich jetzt auf einer Bavaria 50, das ist so etwas wie ein riesiger Yoghurtbecher, in den man neben etlichen Kojen und Kabinen für 8 Leute drei Nasszellen eingebaut hat, eine Pantry, drei GPS, UKW-Funk, Satellitentelefon, 3 Rechner, Radar, Autopilot. Wir verfügen außerdem über Rollsegel, Bugstrahlruder, Dingi mit Außenborder, Rettungsinsel, elektrische Ankerwinsch und überreichlich Proviant, Wasser und Diesel.


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Eine Koje auf einem Chartertörn zu buchen, bedeutet, sich für etliche Zeit mit zunächst völlig Unbekannten einzulassen. Das ist ein gewisses Risiko, wenn auch ein überschaubares, weil man es häufig mit gestandenen Persönlichkeiten zu tun hat, die ebenfalls wissen, worauf es ankommt. Meistens ist so etwas auch eine Bereicherung, weil man auf diese Weise Menschen sehr intensiv kennen lernt, denen man nie begegnet wäre, hätte man den eigenen Dunstkreis nicht auch einmal verlassen.

Bald wird deutlich, dass auf der "Guanajo" einiges anders verläuft als auf anderen Yachten. Harmlos ist ja eher, dass bei Fahrten durch die Häfen der Anker in Wartestellung heraushängt. Ein Bordtagebuch wird in einer Art dreifacher Buchhaltung angelegt. Eher ungewöhnlich ist auch, dass die Bordzeit in UTC angegeben wird, was in den folgenden Tagen dazu führt, dass niemand mehr genau die Ortszeit angeben kann. Immerhin Anlass zu ausgedehnten Diskussionen über Zeitzonen, Breitengrade, Erdrotation, Sommerzeit, Greenwich, Datumsgrenze etc. Alkoholgenuss an Bord ist bereits ab 08:00h (UTC) gestattet, wird aber bereits am dritten Morgen nicht mehr so eng gesehen (07:48h UTC). Ohnehin werden später nach und nach Regeln und Vorsätze über Bord geworfen.

Positiv vermerkt werden muss, dass Versuche, das Gesprächsthema auf "Fußball" oder "Formel 1" zu lenken, kläglich scheitern. Die Anwesenheit von Frauen in der Crew verhindert (anfangs) auch allzu derbe Männerwitze. Die Gesprächsthemen bleiben also im für Charteryachten üblichen Rahmen, man zeigt den anderen, was man doch für ein toller Kerl ist, welche Super-Reviere man kennt und welch außergewöhnliche Situationen man schon beim Segeln erlebt hat. Wie man Landstrom online bekommt oder wie man mit elektromagnetischem Anker vor Reede liegen kann.


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Trotz 3/4-Mond und Sternen ist es bei 22 Grad auf dem Wasser leicht dunstig. Nur selten zeigt unser Radar andere Schiffe in gut 15 Sm Umkreis an. Wir fahren weiter unter Motor. Delfine springen ganz dicht neben dem Boot aus dem Wasser und grüßen die Wachgebliebenen, wenig später ist das klare Wasser mit Unmengen von Quallen erfüllt, die von unserer Schraube geschreddert werden. Um 03:30 h bei 3657N 0330W hat die Schraube plötzlich eine enorme Unwucht. Einen Kontrolltauchgang lehnt bei diesen Mengen an Quallen jeder ab. An eine Weiterfahrt bis Motril ist aber so nicht zu denken, mit langsamer Drehzahl setzen wir Kurs auf San José an, welches wir morgens um 08:25 h erreichen. Das so genannte skandinavische (stumme) Anlegemanöver verläuft etwas unsauber, da Berthold das Winken und Warnen der an Bug befindlichen Crewmitgliedern ignoriert und somit erst an der Betonpier zum Stehen kommt. Gunter nimmt sich sofort die unschöne Stelle am Rumpf vor und schon nach kürzester Zeit ist durch kräftiges Polieren nichts mehr zu sehen. Anschließend macht Berthold drei heldenhafte Tauchgänge unter das Boot, bis er die Schraube wieder befreien kann. Es war ein recht großes Stück Fischernetz, welches sich in der Klappschraube verfangen hat und abgeschnitten werden musste.

1 Grad West

25. Oktober 2007. Vor der Costa del Sol beim Auslaufen aus Aguadulce. Es ist 9:50h, ein schöner Morgen, fantasievolle Wolkenbilder stehen über dem ruhigen Meer, die Morgensonne scheint warm auf die Häuserfront an der Küste, darüber liegen, von Wolken umgeben, die Berge. Die Bekanntschaft mit Aguadulce ergab sich eher zufällig. Gestern zog eine Regenfront durch, wir hatten Segel gesetzt, mussten aber bald reffen und uns bei 25 kn Wind durch hohe Welle kämpfen. Wenn der Wind genau aus der Richtung weht, in die man eigentlich segeln möchte, macht die ganze Mühe keinen Sinn. Schließlich liefen wir das nette und sehr saubere Aguadulce an, wo wir die Nacht verbrachten.

Jetzt herrscht die Ruhe nach dem Sturm und bei der Musik von Heino, Hans Albers und Vicco Torriani motoren wir wieder hinaus.

Die Mannschaft: Der Skipper, ein ehemals kosmopolitischer Flugzeugtechniker, weiterhin ein gemütlicher Altfreak, der früher Grasbahnrennen fuhr, eine badische Weinbäuerin mit 100 Oechsle im Herzen, eine rheinische Frohnatur mit Frau, welche uns täglich wundervolle Gerichte auf den Tisch zaubert. Und einen, für den Freizeitgestaltung eine sehr ernste Angelegenheit ist (die Beschreibung der Personen erfolgt hier nur knapp, weil es auch noch ein anderes, persönlicheres Bordtagebuch gibt. Wo Namen erwähnt werden, sind sie verändert). Mit 55 bin ich der einzige an Bord, der noch im Berufsleben steht. Die anderen sind Musterbeispiele aktiver Rentner: Golf, Bergsteigen, Ballonfahren, Segeln, Segelfliegen, Ehrenämter, Motorrad, Fernreisen, Radtouren, Wellness ... Die Stimmung an Bord ist ganz gut, ich werde es wohl die drei Wochen aushalten, wenn auch die Wellenlängen an Bord nicht so genau zueinander passen. Aber das ist auch wieder das Bereichernde bei Chartertörns, dass man nämlich mit Menschen zusammenkommt, denen man im Alltag nie begegnet wäre, und das auf intensivste Weise. Wer nächtelang zusammen Ruderwache schiebt, lernt sich vielleicht besser kennen als zwei Menschen, der ein halbes Leben gemeinsam die gleiche Arbeitsstätte besuchen.

Beim Segeln selber stellt sich bald eine gewisse Hierarchie her, die sich aus der Erfahrung ergibt. Da muss ich mich im Mittelfeld einordnen, es fällt manchmal schwer sich zurückzuhalten, obwohl auch schlimme Fehler gemacht werden.

3 Grad West

Heute ist Bilderbuch-Segelwetter. Viel Sonne, wenig Welle und genügend Wind. Ich werde wohl braun, hatte am frühen Nachmittag Dienst und habe mir erlaubt, Pink Floyd aufzulegen.

5 Grad West

27. Oktober. Ich komme nicht viel zum Schreiben. Der Tagesablauf an Bord hat seine Zwänge, denen nicht zu entkommen ist. Wachdienst, Mahlzeiten, die vielen Gespräche. Im Hafen kommen dann die Anlegemanöver, Einkäufe und Besichtigungen hinzu. An das Lesen von Büchern ist nicht zu denken und wenn sich mal eine freie Stunde ergibt, nutze ich sie gern für ein Schäfchen in der Koje.

Gestern

Früh aufstehen, um den Stadtbus zu erwischen, der schon um 7 Uhr zum Busbahnhof fährt, dort ein knappes Frühstück, weiter mit dem bequemen Reisebus nach Granada. Wegen Dunkelheit und Schläfrigkeit bekamen einige von der Strecke wenig mit, obwohl es viel zu sehen gab: Eine tolle Szenerie der Landschaft mit Canyons, Brücken und Stauseen. Mit dem Stadtbus geht es zur Alhambra, astreine Organisation ermöglicht sofortigen Eintritt in die Gärten des Generalife, später in die eigentliche Burg mit ihren Gebäuden aus rund zehn Jahrhunderten. Unbeschreibliche Pracht, schönes Fotografierwetter. Mittagessen gibt es in einem Straßenrestaurant in Granada. Nach einem letzten Blick zurück auf die in der Sonne liegenden schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada, sind sich alle einig, es war ein wunderschöner Tag.

Am Abend heißt es noch "Leinen los". Auslaufen mit Seemannsliedern von Freddy, Hans Albers und Vicco Torriani Richtung Gibraltar. Die Witze an Bord werden derber. Im Laufe der Nacht überholt uns der Vollmond von Osten her bei klarem Himmel und sehr ruhiger See, leider fahren wir wieder unter Motor, nur kurzzeitig mit Genuaunterstützung.

Wir liegen vor Gibraltar, einer merkwürdigen Stadt, die vielfältigen Einflüssen ausgesetzt ist. Hier mischt sich das englische Königreich mit spanischen und maghrebinischen Einflüssen. Einige orthodoxe Juden habe ich gesehen. Die Landebahn für Jets liegt direkt neben unserem Steg. Dahinter entstehen Wohnungen in Hochhäusern, es gibt eine Fußgängerzone und eine altertümliche Seilbahn führt auf den Affenfelsen, von dem man eine hervorragende Aussicht auf die gesamte Bucht hat, auch bis nach Afrika herüber. Afrika beginnt also gleich hinter diesem Felsen und endet auch wieder mit einem, überlege ich mir. Erst 3 Monate zuvor stand ich auf dem Tafelberg bei Kapstadt und freute mich über eine ähnlich grandiose Aussicht.


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8 Grad West

Der Atlantik! Neunter Tag auf See. Heute ist Montag, es ist Ende Oktober und ich sitze barfuß mit Sonnenschutz und Fleecejacke im Cockpit. Zwei Mitsegler spielen mit dem Sextanten, aber das vertiefte Verständnis fehlt. Ich halte mich an das GPS und das spricht eine klare Sprache: Speed bis 8,5 kn, das Etmal des vergangenen Tags 145 sm! Seit der Ausfahrt aus Gibraltar haben wir beständigen Wind mit 15 - 20 kn aus 320 - ideale Bedingungen also. Nachts war der Himmel sternenklar, jetzt scheint die Sonne satt. Fast unglaublich, mit welcher Gewalt der Wind das fette Schiff durch das Wasser drückt. Liegt man in der Koje, rauscht es neben einem, als befände man sich in einem schnellen Schlafwagenzug. Beide Segel sind nur zu etwa 50 % ausgefahren, trotzdem ist die Krängung so stark, dass man sich unter Deck kaum bewegen kann. Mit gespreizten Beinen, die Füße in den Ecken verankert, den Hintern fest an die Wand gepresst, bleibt noch eine Hand übrig, um gleichzeitig Reißverschluss und Klodeckel zu halten und auch noch dieses Teil, auf das es schließlich ankommt und welches man in der Bavaria dank eines tiefangebrachten Spiegels dann auch von vorn betrachten kann.

Heute morgen bei der nächtlichen Wache war trotz Leesegel wenig an Schlaf zu denken. Es ist ungemütlich in der Koje, viel zu eng, dunkel, immer unaufgeräumt. Gischt kam rein, ich fühlte mich unwohl, auch wegen de unregelmäßigen Wachrhythmus, der mich rädert. Erst eine gute Woche vorbei und schon ertappe ich mich beim Gedanken, diesen Gewalttrip abzubrechen.

Jetzt, um 14 Uhr, stellt sich die Frage nicht mehr. Bei sommerlichem Wetter sitze ich allein im Cockpit, der Rest hält Mittagsschlaf. Um mich herum ist nichts als der Atlantik. Gestern Abend war zum letzten Mal Afrika zu sehen und küstennaher Schiffsverkehr, jetzt gibt es nur noch Wasser.

12 Grad West

Schon seit Mitternacht haben wir sehr hohe Welle, das Fahren ist sehr ungemütlich und mir ist ständig unwohl. Letzte Nacht hatte ich zweimal Wache, der Skipper und ich haben viel gerefft, trotzdem schaukelt sie Kiste mit bis zu 9 kn durch die Wellenberge, die längst höher sind als Augenhöhe.

Den Sternenhimmel und die Sternbilder habe ich mir heute noch mal am Bordrechner angesehen und außerdem bin ich in die Bugkabine umgezogen. Dort ist es hell und geräumig. Backbordbug ist viel besser auszuhalten als in meiner alten Steuerbordkoje, in der ich mich trotz Leesegels während des Schlafens festhalten musste. Mein Umzug zu der einzigen Singlefrau an Bord sorgt für willkommenen neuen Gesprächsstoff an Bord. Geredet wird vor allem übers Segeln und über Segelreviere, Türken und Ossis waren auch mal kurz dran. Zu meinem Glück kommen die Themen Fußball, Formel 1 oder Autos überhaupt nicht auf, es lässt sich aushalten. Allzu frauenfeindliche Gespräche werden durch die Anwesenheit von zwei Bordfrauen verhindert.

15 Grad West

Heute ist ein ruhiger Tag, das heißt wenig Segelwechsel. Beständig bläst der Wind um 15 kn und wir machen ordentlich Fahrt, das letzte Etmal über 172 kn! Die Welle kommt nicht so brutal, dennoch sehr hoch und wir surfen in gigantische Wellentäler hinunter. Die Sonne scheint die meiste Zeit und man trifft sich bevorzugt im Cockpit. Ich spüle mit Seewasser, wasche Wäsche, reinige das Bad, döse, lese über Alexander von Humboldt, der ja auch hier unterwegs war, vor 208 Jahren. In der Nacht beobachte ich die Sternbilder. Nur gelegentlich noch treffen wir mal auf ein Schiff. Der Skipper ist dann völlig aufgeregt, diskutiert Beleuchtung, Fahrtrichtung, rennt zwischen Plotter, Radar und Steuerstand hin und her. Ich sehe das alles viel gelassener, was zu einer tiefen Kluft zwischen den beiden Wachhabenden führt.

Madeira

Madeira. Heute nacht sind wir über die Spitze des Seine Seamount gefahren, eine Bergspitze, die aus rund 4300 m Tiefe auf 86 m unter Seelevel aufragt (wäre aber zu umständlich gewesen, sich in das Gipfelbuch einzutragen). Danach sind wir Porto Santo, die nördlichste der portugiesischen Madeira-Inseln angefahren. Ab 1 Uhr morgens waren bereits das Leuchtfeuer, später die gelb beleuchteten Uferstraßen auszumachen.. Um 4 Uhr morgens legen wir an, wieder klappt das Hafenmanöver nur mit Hängen, Würgen und Kratzen. Dann schlafen wir erst mal, um uns am Morgen in dem puppenstubenhaften Städtchen umzusehen.

Befremdlich irgendwie, nach 4 Tagen und 4 Nächten abseits der afrikanischen Westküste im Nirgendwo des Atlantiks dann doch wieder auf Europa zu treffen, auf kleine friedliche Inseln, die immerzu Frühling haben. Wir genießen den weltbesten Espresso, besuchen das ehemalige Wohnhaus eines anderen Atlantikseglers. Jedenfalls von außen, es ist der 1. November, also Feiertag. Kolumbus hat hier geheiratet und lange gewohnt, schade dass wir jetzt nicht in die Ausstellung hereindürfen.


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13 Grad West, 29 Grad Nord

Sonntag, 4. November 2007. Nach Porto Santo laufen wir in den netten Hafen von Canical, Quinta do Lorde. Hier ist ein Disneyland-schönes Areal am Entstehen, amerikanisches Kapital fließt hierher, sichtlich eine Investitionsruine. Für uns ein Glücksfall, denn die Einrichtungen dieser kleinen Marina haben den Standard von Hotel Adlon. Allein das Essen im Restaurant! Gehobene Gastronomie bedeutet für mich ja in erster Linie affektiertes Kellnerverhalten und hohe Rechnungen. Hier aber kam ein ganz vorzüglicher Kabeljau auf den Teller. Herausragend! Jeden Cent war es wert.

Auf zur Madeira-Hauptinsel! Funchal ist eine große Stadt, deren gelbe Lichter sich malerisch vor dem hohen Berg abzeichnen, auf die wir dann mit der Kabinenseilbahn aus Österreich fahren. Hier oben gibt es einen botanischen Garten, der schon von außen Lust auf einen Besuch macht, leider reicht die Zeit nicht dafür. Funchal ist eine blitzsaubere Stadt. Mit ihren cremeweißen Fassaden und den dunklen Steinen erinnert es manchmal an Bern. Leider gibt es keinen mp3-Player zu kaufen. 24 C im Schatten herrschen hier Anfang November und machen das Umherlaufen zu einer Freude. Extrem preiswert für unsere Verhältnisse sind Schuhe und Klamotten und besonders natürlich Fisch.

Die Markthalle ist ein Erlebnis, auch wenn man schon viele Märkte und Markthallen gesehen hat wie ich. Eine Symphonie von Farben, ein appetitanregendes Angebot von Fisch aller Art, vom Tiefseemonster mit Riesenaugen über Barracudas bis hin zum Riesentunfisch auf dem Hubwagen. Bis 1981 wurde auf Madeira außerdem noch Walfang getrieben.

Seit zwei Tagen und Nächten sind wir wieder auf See.

"Serious Drinking Team with a Sailing Problem (sehr gelungener T-shirt-Aufdruck).

Gerade ist Sonntagmorgen. Einige schneiden Zucchini, Boney M. geben ihre Hits zum Besten und der Skipper begann schon um 9:20 h mit Barcadi Rum, bevor er weitere ähnlich labile Charaktere mit hinzu ziehen konnte. Menschlich ist dieser Törn, wie abzusehen war, eine Gratwanderung. Nach über zwei Wochen Saufen, Wurstessen und flachen Sprüchen an Bord freue ich mich jetzt darauf, wieder etwas anderes zu erleben.

Gestern abend gingen die Vorräte an Dosenbier zu Ende und der Skipper war nachts auf Entzug, stand deshalb unter Strom und machte die gemeinsame Nachtwache zu einem Alptraum mit seiner Unruhe. Mit den anderen Crewmitgliedern ist es aber weitgehend angenehm.

Wir fahren einen Südostkurs auf Lanzarote. Kurze Hosen, barfuß, flache Welle, kein Wind, also Motor. Gestern Abend besuchte uns ein verirrtes Vögelchen, eine Seeschwalbe. Dann umflogen eine Handvoll Libellen unser Hecklicht, immerhin 80 km von der nächsten Insel entfernt. Punktförmig fluoreszieren irgendwelche Meerestiere, wenn sie von Bug- oder Heckwelle aufgeworfen werden. Hell leuchten Orion, Mars und Procyon am Osthimmel, später gesellt sich die schmale Mondsichel hinzu, wie eine Waagschale liegt sie orange leuchtend über dem Osthorizont. Heute morgen verfing sich eine Möwe in der seit zwei Wochen vergeblich nachgeschleppten Angelschnur, immerhin ein erster Fang. Das arme Tier hatte sich mit einem Flügel darin verfangen und konnte von uns befreit werden.

Gelegentlich begegnen uns Schiffe, die wir zur Kollisionsvermeidung mit Fernglas und Radar unter Beobachtung halten. Hinsichtlich der Aufgeregtheit angesichts solcher Lichtpunkte in bis zu 12 sm Entfernung gibt es deutliche Unterschiede in der Crew, die das Wohlbefinden trüben. Schade, denn das ist eigentlich ein cooler Turn ohne Komplikationen, mit sehr gutem Material, mit hervorragendem Wetter, mit dem weltbesten Essen an Bord. Aber die Verbissenheit der einen passt nicht recht zu der Lebensfreude der anderen.

Der Skipper brauchte eine volle Stunde im Hafen von Funchal, bis er mit der Anbringung von Fendern, Vor- und Achterleine und den Springs zufrieden war. Niemand durchschaute so recht seine Absichten und Absichtsänderungen beim Anlegen, das Resultat ist dann eine leicht gereizte Stimmung. Auch alle anderen haben schließlich Segelerfahrung und Segelpatente, wir sind allesamt keine Anfänger. Klar dass dann die Meinungen auch auseinandergehen. Aber nur einer kann schließlich Kapitän sein.

Immerhin geht es nicht nur flachgeistig und alkoholtrunken an Bord zu. Heute nach dem Anlegen auf Graziosa servierte unser bester Mann an Bord den "Anleger" stilsicher im Kellnerjackett mit Fliege.


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